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Eine Mittelmeerkreuzfahrt soll der monoton gewordenen Ehe von Nigel und Fiona neuen Schwung verleihen. An Bord trifft das junge britische Paar auf den gelähmten Schriftsteller Oscar und seine deutlich jüngere Frau Mimi. Nigel kann sich der Faszination von Mimis mysteriöser Schönheit nicht entziehen, zumal ihm Oscar in stundenlangen Gesprächen intime Details aus seiner Ehe offenbart. Häppchenweise erzählt er die Geschichte ihrer Liebe, die mit Leidenschaft begann und über sexuelle Obsessionen in zerstörerischem Hass endete. Nigel gerät mehr und mehr in den Bann der verführerischen Mimi und ihres zynischen Mannes und auch Fiona wird in das bizarre Spiel hineingezogen ...

Hocherotischer, starbesetzter Psycho-Thriller von Oscar®-Preisträger Roman Polanski!

In der Presse

film-dienst | | film-dienst.kim-info.de


Bitter Moon

von Josef Nagel


Liebe ist immer auch egoistisch, radikal und zerstörerisch. Auf Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" (fd 18 266) folgte Oshimas "Im Reich der Sinne" (fd 20 695). Der leidenschaftliche Kampf der Geschlechter bescherte uns zuletzt kinogerechte Ableger wie "9 1/2 Wochen" (fd 25 587) oder "Basic Instinct" (fd 26 576). Daß der skandalträchtige Roman Polanski nach seinen Ausflügen zu ironischen Genrefilmen ("Tess", "Piraten" und "Frantic") sich wieder den Ursprüngen zuwenden würde, war abzusehen. Bereits mit "Das Messer im Wasser" (1962), dem ersten langen Spielfilm, schlug der m Paris als Sohn polnischer Juden geborene Regisseur das Thema des realistischen Psychodramas, das Dickicht des Beziehungsgeflechts, die innere Spannung zwischen den Figuren, den Gegenständen und ihrer Umgebung an. Und als ihn dann der Produzent Alain Sarde auf den Roman "Lunes de fiel" des Philosophen Pascal Bruckner aufmerksam machte, das ungelesen in seiner Wohnung herumlag, reizte ihn der Stoff sofort. Es ist "die Geschichte einer Leidenschaft, die alle Begriffe übersteigt. Zunächst ist es Liebe auf den ersten Blick, dann eine Liebe, die alle Grenzen überschreitet. Nur um die Routine und Langeweile in der Beziehung zu bekämpfen, verfällt das Paar dann in Perversion und Haß. Zugleich können sie ohne einander nicht leben".

Nigel und Fiona Dobson, ein in gesicherten Verhältnissen lebendes englisches Ehepaar Anfang der Dreißiger, befinden sich auf einer Kreuzfahrt nach Indien. In der Damentoilette helfen sie einer zusammengebrochenen Französin auf die Beine. Am Abend macht Nigel dann die Bekanntschaft von Oscar, dem Gatten der gemeimnisvollen Frau. Jener sitzt gelähmt im Rollstuhl und weist sich als amerikanischer Schriftsteller aus. In der Bar trifft Nigel Mimi, die rätselhafte Unbekannte, wieder. Später lädt Oscar den Engländer in seine Kabine ein, um ihm ihre Geschichte zu erzählen. Nigel verfolgt erstaunt die offene und faszinierende Schilderung einer stürmischen Beziehung, die in einem Pariser Bus ihren Anfang nahm. Beim Diner am folgenden Abend sucht das ungleiche Paar erneut die Gesellschaft der Engländer. Oscar erwirkt das Einverständnis, Nigel die Geschichte weiter ausführen zu dürfen... Es folgen die Höhen und Tiefen einer leidenschaftlichen Beziehung, mit allen sexuellen Abenteuern und Perversionen, ausgeführt wegen Eifersucht und Langeweile. Da offenbart Oscar Nigel, Mimi begehre ihn. Und bei Fiona erwachen erste eifersüchtige Gefühle. Im Gespräch mit einem indischen Passagier gesteht Fiona, daß sie im Gegensatz zu ihrem Mann nach sieben Jahren Heirat den Kinderwunsch noch nicht vergessen kann.

Abgestoßen und gebannt zugleich hört Nigel die atemberaubende Erzählung des Amerikaners weiter. Nachdem der Versuch, zu den Ursprüngen ihrer Liebe zurückzukehren scheitert, Mimis Kinderwunsch höhnisch übergangen wird, folgt Oscars Flucht ins ausschweifende Nachtleben, eine Zeit der Demütigung, als die Geflüchtete reumütig zurückkommt. Eine Schwangerschaft wird kaltschnäuzig beendet. Doch dann wendet sich das Blatt. Infolge eines Unfalls muß Oscar in die Klinik, Mimi zerrt den Fiesling aus dem Bett. Querschnittsgelähmt hat sie ihn nun völlig in der Hand. Abgeschottet von der Außenwelt, muß er nun alle Demütigungen am eigenen Leib erfahren. - Beim Silvesterball an Bord tanzt Nisel mit Mimi: Fiona, von Oscar herbeigeholt, wird Zeugin der Szene. Spontan geht sie auf die Tanzfläche, um mit der Konkurrentin zu tanzen. Ein Sturm beendet die Feier, Nigel findet seine Frau schließlich in Mimis Kabine. Oscar verhöhnt ihn vor den nackt im Bett schlafenden Frauen. Und als Nigel ihn erdrosseln will, erschießt der Amerikaner zuerst Mimi und dann sich selbst.

Von Anfang an legt Polanski falsche Fährten aus. Die Irreführung des Zuschauers, das Mittel der subtilen Ironie, das ständige Infragestellen einer individuellen Geschichte und Liebesbeziehung beherrscht die Atmosphäre, den Rhythmus von "Bitter Moon". So steigert sich der Film nach einer langsamen, ausführlichen Exposition zu einem schnelleren Erzähltempo, bis das Ende dann fast abrupt, holzschnittartig einen überfällt. Trotz vieler Zugeständnisse an den aktuellen Zeitgeschmack, des unverhohlenen Schielens auf eine größtmögliche Publikumswirksamkeit hat Polanski sich seine unverkennbare Handschrift, das eigene Erkennungszeichen bewahrt. Er bleibt in seinem Element: hart im Blick auf die ausgebrannte, innere Existenz des Menschen; variantenreich in der äußeren Perspektive; ein Apologet des "Kinos der reinen Evidenz".

Wie zuletzt in "Piraten" (fd 25 772) spielt die Geschichte auf dem Wasser. Die Rückblenden in die Zeit von Paris verschärfen um so drastischer die unheimliche, klaustrophobische Situation auf dem schwankenden Schiff. Das Leben, die Welt kennt keine gesicherten Grenzen und einlösbare Wahrheiten. Oscar, der zynische Fiesling, von Peter Coyote bravourös gespielt, lebt dank einem Erbe als Möchtegern-Hemingway im vielzitierten Literatenolymp von Paris. Aber seit Jahren hat er trotz moderner Textverarbeitung nichts publiziert. Er ist ein Autor ohne Publikum. Desto begierlicher freut er sich, dem jüngeren Mitreisenden seine Geschichte, sein mögliches Werk, seine Phantasien vorzutragen. Der Parabelcharakter der Erzählung beleuchtet auch die Krisensituation des feinen, gepflegten englischen Paares. Seit sieben Jahren verheiratet, hat man sich auseinandergelebt, Kinder gibt es nicht. Um zu den Anfängen des Glücks zurückzukehren, will man die Reise nach Indien unternehmen. "Indien könne dem Westen viel lehren, innere Ruhe usw.", erläutert Nigel einem indischen Passagier. Doch dieser entgegnet ihm, sein Land sei der lauteste Platz auf Erden. Bezeichnenderweise reist er als einziger mit einem Kind, seiner Tochter, die in Fiona die unterdrückten Muttergefühle aufbrechen läßt. "Bitter Moon" ist auch ein dezenter Hinweis auf den westlichen Sinn- und Werteverlust, die Hilflosigkeit gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Lösungsansätze.

Das Gesetz von Anziehung und Abstoßung, das Aushebeln der Alltagswelt unter labormäßigen, räumlich und zeitlich eng definierten "Bedingungen mündet in der Tragödie. Aus dem Reigen der Liebe, dem kurz angedeuteten, möglichen Rollentausch durch die beiden Frauen, hat sich ein gefährliches Spiel um Phantasien und Begierden entwickelt. Der unerbittliche Kampf der Geschlechter, die Zerstörung einer Liebe wird wie "Das Messer im Wasser" zur Groteske, bei der einem vor Schrecken das Lachen im Halse steckenbleiben kann. Wenn Nigel und Fiona zum Schluß noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen sind, dann werden ihnen die ungeahnten Abgründe der menschlichen Seele wohl unvergeßlich bleiben. Das Psychodrama ist zum moralischen Psychothriller avanciert. Und der Blick auf das unruhige Meer nach dem Sturm verkündet fast eine Todesstille. Wer will, kann "Bitter Moon" auch autobiografisch interpretieren: Emmanuelle Seigner, Polanskis heutige Ehefrau, mit der Rolle der Mimi ein wenig überfordert, erwartet ein Kind.





DETAILS

Bitter Moon

DVD
Originaltitel: Bitter Moon (Drama, Erotik, Frankreich / Großbritannien 1992), ca. 134 Minuten
FSK 16
DVD im Handel seit 22.02.05

Extras

Interview mit Emmanuelle Seigner; Trailer

Darsteller

Emmanuelle Seigner (Frantic, Die neun Pforten, Place Vendôme, La vie en rose)
Peter Coyote (E.T. - Der Außerirdische, Erin Brockovich, Nur mit dir)
Hugh Grant (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, About a Boy, Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück)
Kristin Scott Thomas (Der englische Patient, Der Pferdeflüsterer, Gosford Park)

Stab

Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski
Kamera: Tonino Delli Colli
Produktion: Roman Polanski

Technische Angaben

Bild: 1,85:1 (anamorph)
Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (Stereo Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch

TRAILERAUSWAHL

GROSS (640x360, 7.7 MB)

Angaben zum Vertrieb

Bst.-Nr. 500936, EAN 4006680032498